
Vor einer Woche war ich ein paar Tage in Bonn. Als ein Vertreter des DJV in der Verwertungsgesellschaft Bild-Kunst hatten wir eine Sitzung des Kulturwerks, Verwaltungsratssitzung und Mitgliederversammlung. Den Vortag habe ich genutzt, um die derzeit im LVR Landesmuseum laufende Ausstellung von Jupp Darchinger zu besuchen. Josef Heinrich (Jupp) Darchinger, das „Auge der Republik“, wäre am 6. August 100 Jahre alt geworden. Das LVR-Landesmuseum Bonn hat nun dazu, gemeinsam mit dem „Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES)“ welches das Darchinger-Archiv verwaltet, eine wunderbare Jubiläumsausstellung gemacht. Für mich auch eine Gelegenheit, etwas in meiner eigenen Geschichte zu schwelgen.

Ein Kapitel der Ausstellung in den „Facetten eines Fotografenlebens“ widmet sich der Sozialdemokratie. Dort hängt ein Bild vom SPD Parteitag im August 1986 in Nürnberg, auf dem zwei meiner Nürnberger Kollegen zu sehen sind ((5) – Hans Koschnick, Willy Brandt und Johannes Rau, SPD-Parteitag; Nürnberg, 26. August 1986, Digitaldruck 2025, AdsD/FJHD018538).

Ich bin leider nicht drauf, obwohl ich damals schon als junger freier Fotograf den kompletten Parteitag abgedeckt hatte. Aber ich war durch das Bild angetriggert. Denn ich wusste, ich hatte damals neben Koschnick, Rau und Brandt auch Jupp Darchinger fotografiert. Ich musste also sozusagen den Gegenschuss haben. Da musste ich zu Hause im Archiv danach suchen. Und ich wurde fündig. Allerdings ist mein Bild eine etwas andere Situation, zwar mit den gleichen Protagonisten, aber bei mir steht Rau auf der anderen Seite und Koschnick auf gleicher Ebene:

Doch erst mal weiter mit der Ausstellung.
In den „Facetten eines Fotografenlebens“ im ersten Raum ist seine „Biografie“ und auch der Bereich „Im Studio“ ausgestellt.

Wobei dieser Begriff eigentlich falsch ist, denn in einem Interview sagt er, dass er nie im Studio gearbeitet hatte, sondern immer draußen bei den Menschen. Hier wäre eigentlich „Im Labor“ treffender gewesen. Das hatte er im heimischen Haus in Bonn, wo neben Dunkelkammer und Archiv auch der Versand war. Alle Abläufe sind sehr verständlich dargestellt und mir genauso durchaus bekannt, das war zu Dunkelkammer-Zeiten wohl bei allen freien Pressefotografen gleich. Den Geruch nach Entwickler und Fixierbad habe ich heute noch in der Nase.

Dann kommt ein Raum, der „Themen der Zeit“ heisst. Jupp Darchinger hat damals viele sogenannte Themenfotos gemacht, heute würde man sie als Symbolfotos bezeichnen. Also Bilder, die symbolisch für Themen stehen, die die jeweilige Zeitgeschichte betreffen. Wenn ein solches Foto in den Archiven der Zeitungen liegt, kann es immer mal wieder herausgeholt werden und zur Bebilderung des entsprechenden Themas dienen. Und damit Honorar verdienen.

Schön dass diese Bilder hier einen eigenen Raum bekommen. Präsentiert als Print auf einer Tafel mit der Rückseite des Fotos, inclusive Stempel und Beschriftung. Eine gute Verschlagwortung war und ist das A und O eines erfolgreichen Fotojournalisten.

Im dritten Raum, „Biotope des Politischen“ ist ein extra kleines „Archiv“ aufgebaut. Ein Raum mit Fotopapierschachteln, Leitzordnern und natürlich Bildschirmarbeitsplätzen. Dort kann man Einblicke nehmen in die wissenschaftliche Arbeit am Nachlass des Fotografen, die das Archiv der sozialen Demokratie durchführt.

Und es läuft ein Dokumentar-Film der ebenfalls bereits verstorbenen Hilde Heim über „Jupp Darchinger, Das Auge der Nation“ vom Februar 1996, der mit Genehmigung der Deutschen Welle angesehen werden kann. Das Team hat damals Darchinger beim Arbeiten auf dem Mannheimer Parteitag der SPD im November 1995 begleitet.

Der Parteitag, bei dem Rudolf Scharping zum Vorsitzenden gewählt werden sollte, die Delegierten sich aber für Oskar Lafontaine entschieden haben. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern. Ist ja auch erst 30 Jahre her. Auch damals war ich dabei. Das Bild des Handschlags im Film oben habe auch ich im Archiv.
Und ich habe, weil ich ja auch immer gerne „Themenfotos“ von Kollegen gemacht habe, auch wieder Jupp Darchinger, sogar beim Interview mit Hilde Heim für den Dokumentarfilm, fotografiert.

Und siehe da, ganz kurz bin sogar ich in dem Film zu sehen, wie ich hinter Marc Darchinger, dem ebenfalls fotografierenden Sohn von Jupp vorbeigehe. Meine eigene Geschichte eben.

Am 6. August hätte der Fotojournalist Josef Heinrich (Jupp) Darchinger (1925-2013) seinen 100. Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag und dem LVR und der FES zu dieser Ausstellung. Wer mag kann diesen Tag mit seinen Söhnen Marc und Frank feiern. Marc macht um 14 und um 16 Uhr jeweils einen Ausstellungsrundgang, Frank stellt um 15 Uhr eine ausstellungsbegleitende Publikation vor. Einen Katalog hatte ich vermisst. Aber der scheint ja noch zu kommen. Eine kleine erklärende Broschüre liegt aus.

Ein weiterer interessanter Termin im Rahmenprogramm dürfte die Podiumsdiskussion „Zwischen Nähe und Distanz: Politischer Bildjournalismus im Wandel“ sein. Am 27. August 2025 um 18 Uhr in Zusammenarbeit mit der laif Agentur für Photos & Reportagen.
Und noch ein persönlicher „Nachschlag“: „Selfies“ waren 1986 ja noch nicht so hip wie heute. Aber ich habe eines gemacht damals – hier mit zwei anderen Hersbruckern bei einer Parteitagspause: Brigitta Stöber (links), SPD Stadträtin und später zweite Bürgermeisterin und immer Bayerische Delegierte bei SPD Bundesparteitagen und Armin Oertel (rechts), damals Helfer auf dem ’86er Parteitag. Heute fast 40 Jahre her.

Mein Beitragsfoto ganz oben zeigt einen typischen Jupp Darchinger im leichten Ausfallschritt, um den richtigen Ausschnitt im Bild zu haben, während Willy Brandt am Rednerpult spricht.
Ich könnte noch viele Bilder zeigen, aber am besten ist es selbst hinzugehen und die Ausstellung zu besuchen. Es lohnt sich. Die Ausstellung läuft noch bis 14. September, geöffnet Dienstag bis Sonntag, 11-18 Uhr, Eintritt 11,- Euro.
Interessante Links:
https://www.deutschlandfunk.de/denk-ich-an-deutschland-der-fotograf-jupp-darchinger-100.html
